Über das Elend der Philosophie – ein Versuch

Mit der Philosophie ist das so eine Sache: Wir suchen nach Antworten auf drängende Fragen und das bekommen wir: Weisheiten aus dem Elfenbeinturm. Die „Mutter der Wissenschaften“ wendet sich beleidigt ab sobald es konkret wird. Also wenden sich die alleingelassenen Wissenschaften von der Philosophie ab und erklären ihr Ding zur allgemein gültigen Fach-Wahrheit. Beispielsweise die Ökonomen mit ihrem homo oeconomicus oder die Hirnforscher mit ihrem Gleichsetzen von Neurophysiologie und Denken. Kein Wunder, dass sich da jeder seine philosophy bastelt. Ich finde: das muss nicht sein. „Über das Elend der Philosophie – ein Versuch“ weiterlesen

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Cogito ergo sum – oder?

Nicht schon wieder Descartes, aufhören!

Mir macht es aber Spaß, große Worte auch mal gegen den Strich zu bürsten und zu schauen wie da die alte Wolle durch die Gegend fliegt. Und ich finde den alten Skeptiker ganz interessant:

Er meinte, es sei unmöglich zu bezweifeln, dass man zweifelt, denn das wäre ein Widerspruch in sich. Und da ich meinen Zweifel (mein Nach-Denken) nicht bezweifeln kann, steht die Feststellung – „ich denke, also bin ich“ – am Beginn jeder weiteren Überlegung. So schön, so schlüssig, so gut.

Das „ich bin“ (sum) ist hier mein mir selbst bewusstes Sein (res cogitans). Gemeint ist also nicht die physische Existenz eines Ich als Körper (res materialis). Wenn ich mir meiner selbst nicht bewusst bin, also bewusstlos, dann gibt es auch kein Denken. Das „ich bin“ und das „ich denke“ stehen also sicher in einem Zusammenhang. Daher bezieht sich mein Zweifeln auch nicht auf diesen Sachverhalt. Mich stört das „ergo“, dieses „also“ unterstellt eine Kausalität, die ich ungeprüft nicht akzeptiere.

Descartes‘ Satz lässt sich umdrehen: „Sum ergo cogito“ – „ich bin, also denke ich“. Das geht doch auch, oder?

Um zu sagen, „ich bin“, muss ich nicht unbedingt auch rational denken, es genügt, dass ich ein Bewusstsein meiner selbst habe. Ein Maler oder Musiker malt oder musiziert seiner selbst bewusst, aber nicht notwendigerweise rational denkend, auch wenn er sich währenddessen so seine Gedanken macht. Das Ich ist also nicht eine Konsequenz des Denkens.

In der Statistik gibt es immer wieder Fehlschlüsse. Da werden Wirkungs-Zusammenhänge unterstellt, die so nicht gegeben sind. Davon leben beispielsweise viele Pharmakonzerne, Meinungsforscher und Gutachter ganz gut, und auch: Philosophen. Aber das macht die Sache bekanntlich nicht besser. Da es jedoch dem Normalmenschen meist nicht um Korrelationskoeffizienten, α- oder β-Fehler geht, ist das auch nur dann verwerflich, wenn es jemand merkt. Schließlich leben wir ja alle mit unseren Irrtümern – mich eingeschlossen.

Aber wie ist das nun mit „cogito“ und „sum“?

Wenn das Ich keine Konsequenz des Denkens ist, dann gibt es noch folgende drei Alternativen:
(a) Das Denken ist eine Konsequenz des Ich (à sum ergo cogito).
(b) Denken und Ich-Bewusstsein sind Konsequenzen eines dritten Phänomens, oder
(c) Ich-Bewusstsein und Denken stehen zufällig in einem scheinbaren Zusammenhang.

Alternative (c) wurde bereits ausgeschlossen, weil ich eine Vorstellung von mir nur dann haben kann, wenn ich denke.

Alternative (b) wäre dann möglich, wenn man ein Drittes hinzunähme, etwa eine Art Weltenseele, aus der heraus wir sowohl denken als auch unser Ich-Bewusstsein erleben. Aber der Scholastker William aus Ockham würde da sofort sein Rasiermesser zücken und den ersten Ansatz von Esoterik abschneiden.

Bleibt Alternative (a).

Aber was machen wir dann mit Descartes? Und müssten wir nicht jedem Lebewesen, das ein Bewusstsein seiner selbst hat auch zugestehen, dass es denkt? Unser Hund etwa nimmt sich selbst als individuelle Persönlichkeit in seinem Rudel wahr; und wenn ich ihn beobachte, wie er die neuesten Geruchsspuren liest und analysiert, muss ich ihm zugestehen, dass er denkt.

Da muss man wohl noch mal drüber nachdenken – denk‘ ich.

Wozu Philosophie?

Letzt fragte mich Enzo: „Warum machst du das, Philosophie studieren?“ Ich entgegnete, er wisse doch, dass ich als Bauingenieur und als Wirtschaftswissenschaftler tätig war und nun die diversen Enden meiner Tätigkeiten zusammenführen möchte. Dabei soll mir die Philosophie helfen. Darauf Enzo: „Nein, das meine ich nicht. Du hast selbst mal gesagt, der Sinn deines Lebens kann nur in deinem Leben selbst liegen. Da wäre es ja widersinnig, mit Hilfe der Philosophie im Nachhinein einen Sinn hineinzukonstruieren, in deine, sagen wir mal: Umwege. Oder?“

Dem konnte ich erstmal nichts entgegensetzen. Denn tatsächlich hat die Philosophie zur Klärung meiner Ausgangsfrage bis jetzt wenig Erhellendes beigetragen. Dennoch mache ich das weiter – und nicht aus Gewohnheit. Also: Warum das?

„Deine Frage ist berechtigt,“ gab ich zu, „aber um das zu klären,  „Wozu Philosophie?“ weiterlesen

Irgendwie sind wir galaktische Fliegen

Letzt habe ich versucht eine Fliege zu jagen. Das Biest ist mir immer wieder entwischt. Bei dieser Gelegenheit fiel mir eine Episode ein aus „Lob des Zweifels“ von Luciano de Crescenzo. Da schildert er (S. 96) warum wir Fliegen nicht erwischen können: was uns vorkommt wie Schnelligkeit ist für die Fliege langsam. Sie hat noch Zeit, die Zeitung zu lesen, mit der wir sie erschlagen wollen und sie kann auch noch ihre Gefährtin warnen, bevor sie wieder mal entwischt. De Crescenzo fragt: „Welches ist denn nun die wirkliche Zeit des Universums? Die des Menschen oder die der Fliege?“

Das lässt sich nun weiterspinnen: „Irgendwie sind wir galaktische Fliegen“ weiterlesen

Was ist denn nun wahr? – ein Gespräch

Mit meinem Werkstattbericht  bin ich nicht so richtig zufrieden. Letztens habe ich einige Bekannte getroffen und erzählte davon, daraufhin entspann sich ein Gespräch. Schließlich ging es dann um Fragen, wie: „Was ist denn der Unterschied zwischen Donald Trump und Albert Einstein?“ „Sind Aussagen Wetten auf die Wahrheit?“ und ähnliches. Ich gebe das mal gerafft und in meinen Worten wieder. „Was ist denn nun wahr? – ein Gespräch“ weiterlesen

Machen Geschichten Tatsachen?

Geschichten erzählen von etwas, stellen Bekanntes und Neues in einen Zusammenhang, vermitteln Sinn und Bedeutung – und man muss sich zu ihnen stellen, etwa ihrem Sinn folgen oder ablehnen. Hier ist so eine Geschichte:

Ein junger Mann (Jäger und Sammler in der Kalahari) trägt seine über 80 Jahre alte Tante huckepack von einem Lagerplatz zum nächsten. Er wird gefragt: „Warum machst du das?“ Darauf der junge Mann: „Sie kann so wundervolle Geschichten erzählen.“

Das war Ende der 1950er Jahre. Diese Begebenheit hat mich berührt, ist bei mir hängen geblieben. Sie sagt viel aus: über die !Kung San – und über uns. Wir geben viel auf Tatsachen, wollen uns an Fakten halten. Aber Tatsachen erscheinen mir erst dann zu Tatsachen zu werden, wenn wir sie in einer passenden Geschichte sehen, wenn sie in einen Sinnzusammenhang eingewoben sind.

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Was ist denn nun wahr? – ein Werkstattbericht

In Zeiten „alternativer Fakten“, in denen Populisten ihre Meinungen zu Wahrheiten erheben, wird es schwierig das faktische vom post-faktischen zu trennen. Griffige Definitionen helfen da nicht wirklich weiter, denn die Frage ist ja: Wie muss ich mit dem umgehen, was mir an Wahrheits-Behauptungen zugemutet wird, um herauszufinden, was denn Fakt ist und was Fiktion. Der Werkstattbericht stellt eine Vorgehensweise vor, wie recherchiert werden kann, was an Vermutungen oder Vorwürfen – die ja den Anlass geben – „wahr“ ist.

„Was ist denn nun wahr? – ein Werkstattbericht“ weiterlesen